Der kleine Löwe, der lernte, dass Stillsein auch mutig ist
Draußen in der warmen, goldenen Savanne, unter einem Himmel, der rosa und orange wurde, lebte ein kleiner Löwe namens Leo – und Leo hatte das lauteste Gebrüll von allen Löwenkindern weit und breit.
Den ganzen Tag lang übte Leo, mutig zu sein. Er machte seine kleine Brust ganz breit und brüllte das hohe Gras an – BRÜLL! Er sprang auf Schatten, jagte seinem eigenen Schwanz hinterher und brüllte den Wind an – BRÜLL! „Ein Löwe muss groß und mutig und laut sein“, sagte er zu sich selbst. „Das macht einen Löwen zu einem Löwen.“
Doch als die Sonne tief sank und die Savanne kühl und still wurde und das ganze Rudel sich zusammen zur Ruhe legte, wollte der kleine Leo einfach nicht aufhören. „Ich bin nicht müde“, beharrte er und brüllte ein Glühwürmchen an, das vorbeiflog. „Mutige Löwen ruhen sich nicht aus. Mutige Löwen sind die ganze Nacht laut!“
Sein Vater, der große Löwe mit der goldenen Mähne, legte sich ins weiche Gras und zog Leo mit einer riesigen Pfote sanft an sich heran.
„Weißt du, was den allermeisten Mut braucht, mein Kleiner?“, brummte er, tief und warm. „Leise zu sein. Still zu sein. Den Tag ziehen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass die Nacht dich beschützt. Selbst der mutigste Löwe muss sich ausruhen – und es braucht ein mutiges Herz, um sanft zu sein.“
Leo blickte zu seinem Vater hinauf – dem stärksten, mutigsten Löwen, den er kannte – und sah, wie ruhig er war, wie weich und langsam sein großer Atem geworden war.
„Du meinst … Ausruhen ist auch mutig?“, fragte Leo.
„Das Mutigste, das es gibt“, sagte sein Vater. „Und jetzt. Lass uns groß und mutig und leise sein – zusammen.“
Da ließ Leo seine kleine Brust weich werden. Er ließ sein Gebrüll klein werden, und dann noch kleiner, bis es nur noch ein warmes, schläfriges Brummen tief in seiner Brust war. Er schmiegte sich in die goldene Mähne seines Vaters und spürte, wie das ganze Rudel rundherum langsam und sicher atmete.
Und der kleine Löwe mit dem lautesten Gebrüll weit und breit – endlich mutig genug, um ganz still zu sein – machte die Augen zu und schlief unter dem weiten Sternenhimmel.