Prinzessin Lili und der schläfrige Turm
Ganz oben in einem hohen, gemütlichen Turm, mit einem runden Fenster, das über das ganze schläfrige Königreich blickte, wohnte eine kleine Prinzessin namens Lili.
Lili liebte ihre Tage. Morgens streute sie den Tauben auf dem Fenstersims Körner und kannte jeden ihrer sanften Namen. Nachmittags malte sie die vorbeiziehenden Wolken und winkte hinunter ins Dorf, wo die Bäcker, die Gärtner und die Kinder immer zurückwinkten. Abends goss sie die kleinen Blumentöpfe auf dem Sims — Tropfen für Tropfen.
Doch an manchen Abenden, selbst wenn die Kerzen schon brannten und das Bett warm war, drehten sich Lilis Gedanken immer weiter — um die unfertigen Wolken, um die Tauben, um das, was der Morgen bringen würde.
Der alte Turm, der seit Hunderten von Jahren still dastand und viel vom Ausruhen verstand, spürte, wie die Prinzessin oben hin und her rutschte.
"Kleine," flüsterte der Turm mit einer Stimme wie ein warmer Luftzug durch altes Gemäuer, "atme mit mir, und ich helfe dir, zur Ruhe zu kommen."
Der Turm atmete langsam ein — und die Vorhänge hoben sich sanft am Fenster. Auch Lili atmete ein.
Der Turm atmete langsam aus — und die Kerzenflammen verneigten sich tief. Auch Lili atmete aus.
"Noch einmal," summte der Turm.
Ein… und die Vorhänge schwankten. Aus… und die Kerzen wurden niedrig. Mit jedem langsamen Atemzug drehten sich Lilis Gedanken langsamer und langsamer.
Unten steckten die Tauben die Köpfe unter die Flügel. Die Lichter im Dorf gingen aus, ein gemütliches Fenster nach dem anderen. Die Sterne breiteten sich über den Dächern aus wie eine weiche, glitzernde Decke, die dem Königreich bis ans Kinn gezogen wurde.
"Gute Nacht, Lili," summte der schläfrige alte Turm.
Und die kleine Prinzessin, warm oben in ihrem stillen Turm, schloss die Augen und glitt sanft in den Schlaf.