Der kleine Fisch Finn und die schläfrige Flut
In einer warmen blauen Bucht, zwischen schwankendem Seetang und leuchtenden Korallen, lebte ein winziger silberner Fisch namens Finn.
Den ganzen Tag liebte es Finn, umherzuflitzen. Er huschte zwischen den Korallenzweigen hindurch, schnell wie ein Lichtstrahl. Er spielte Fangen mit den Blasen, die aus dem Sand aufstiegen. Wieder und wieder jagte er mit den kleinen gestreiften Fischen um den großen runden Felsen und tauchte durch die hohen grünen Seetangwälder — einfach, um zu spüren, wie sie ihn an den Flossen kitzelten. Er war der flinkste, geschäftigste Fisch der ganzen Bucht.
Doch wenn das Meer dunkel und kühl wurde und das Licht oben von Gold zu einem tiefen, träumerischen Blau verblasste, schwammen alle anderen Fische langsam nach Hause zur Ruhe. Alle außer Finn, der noch immer hin und her flitzte, zu beschäftigt, um still zu sein.
Eine alte, gütige Meeresschildkröte kam vorbeigepaddelt — langsam und gleichmäßig, wie Schildkröten eben schwimmen.
"Kleiner Finn," sagte sie mit tiefer, sanfter Stimme, "halt einen Augenblick inne. Lass dich von der Flut wiegen."
Finn hielt inne, doch seine Flossen zitterten noch. "Wie?" fragte er.
"Spür es einfach," sagte die Schildkröte. "Hin… und zurück."
Die Flut wiegte ihn sanft zu den Korallen hin. Dann trug sie ihn sanft zurück. Hin… und zurück. Hin… und zurück.
Finn ließ sich mitwiegen. Er hörte auf, irgendwohin zu eilen. Er schaukelte einfach — hin und her — mit der schläfrigen Flut. Seine flinken Flossen wurden ruhig. Das warme Wasser summte leise ein Wiegenlied um ihn herum.
Die Korallen dämpften ihre Tagesfarben zu weichen, dämmrigen Rosa- und Blautönen. Der Seetang schwankte immer langsamer. Die ganze Bucht wurde tief, still und sicher.
"Gute Nacht, Finn," murmelte die alte Schildkröte und ließ sich daneben im Sand nieder.
Und der winzige silberne Fisch, von der schläfrigen Flut gewiegt, kuschelte sich zwischen die weichen Korallen und glitt endlich in tiefblaue Träume.